Funkinform-Kunde Nordsee-Zeitung

Verleger Matthias Ditzen-Blanke sieht für lokalen Content wachsende Relevanz

Verleger Matthias Ditzen-Blanke sieht für lokalen Content wachsende Relevanz

Verleger Matthias Ditzen-Blanke: Erfolgreich mit Zeitung und digitalen Produkten. Foto: Antje Schimanke

Der Verleger der Nordsee-Zeitung, Matthias Ditzen-Blanke, kann eine bemerkenswert positive Zwischenbilanz für die laufende digitale Transformation seines Medienhauses ziehen. Der erfolgreiche Funkinform-Kunde aus Bremerhaven hat DIALOG als Gesamtplattform im Einsatz. Zum 125jährigen Jubiläum des journalistischen Kernprodukts Nordsee-Zeitung sagte Ditzen-Blanke dem lokalen Content eine wachsende Relevanz voraus. Das Medienhaus erreicht auch mit seinem Nachrichtenportal nord24 und dem digitalen Produkt NORD|ERLESEN Bestmarken im Lesermarkt zwischen Elbe und Weser. Im Interview beschreibt Matthias Ditzen-Blanke die Zukunft des Zeitungsverlags und seine Entwicklung hin zu einem mehrkanalorientierten Medienhaus mit einem breiteren Produktangebot für einzelne Zielgruppen.

Wie begreifen Sie Ihre Rolle als Verleger und Herausgeber?

Meine Aufgabe ist es, ein Gespür für die Menschen in der Region zu haben und für die Themen, die sie beschäftigen. Als Verleger trage ich die unternehmerische und wirtschaftliche Verantwortung, das Unternehmen in die Zukunft zu führen und achtsam mit unseren Unternehmenswerten umzugehen. Das bedeutet, historische Werte zu achten und gleichermaßen eine Vision und ein klares Bild von Zukunft zu gestalten. Als Herausgeber bin ich mit kritischem Blick auf die Richtlinienkompetenz gefordert und auch Sparringspartner und Impulsgeber für die Redaktion zu sein. Sind wir dran an den Menschen und Themen in der Stadt und im Landkreis Cuxhaven? Wir begleiten die Entwicklung der Stadt und unserer Region, im Positiven wie in der kritischen Nachfrage. Das geschieht auf der Ebene von Gesprächen und durch Vernetzung. Unsere Redakteure müssen den Menschen auf der Straße zuhören oder dem, der neben ihnen in der Kneipe sitzt. Sie müssen ansprechbar sein für die Menschen. Wir haben eine publizistische Verantwortung und dürfen nicht Gefahr laufen, an den Menschen vorbeizuschreiben.

Was sind die drängendsten Aufgaben für das Medienhaus?

Wir müssen uns fragen: Was sind die Aufgabenstellungen angesichts des veränderten Mediennutzungsverhaltens? Wie stellen wir uns dem? Das bedeutet für die Redaktion: Man muss unterscheiden zwischen journalistischer Freiheit im Inhalt und der Frage der Führung. Für mich hat jeder Journalist eine Führungsverantwortung. Was er schreibt, dient der Meinungsbildung vieler Menschen. Wenn ihm seine persönliche Prägung und seine persönlichen Motive nicht bewusst sind, kann er in seiner Berichterstattung sehr wertend und einseitig sein. Aber wir sind heute viel mehr gefordert, dialogisch zu arbeiten.

Was heißt das genau?

Der Leser lässt es nicht so stehen, wenn er merkt, dass in die Berichterstattung ganz wesentlich persönliche Motive des Redakteurs einfließen. Dieser Diskussion mit dem Leser und Nutzern unserer Onlineangebote muss sich der Redakteur stellen. Früher geschah das durch Leserbriefe. Heute erfolgt die Reaktion durch das Internet sehr zeitnah und viel direkter. Die Redaktion schärft ihr Bewusstsein und entwickelt sich hier weiter. Das ist aber unumgänglich, denn die Leser wollen an dieser Stelle die Auseinandersetzung. Im Dialogischen liegt auch, dass formale Autoritäten im gesellschaftspolitischen Miteinander heute von jüngeren Zielgruppen nicht mehr naturgemäß geachtet werden. Sprache wird weniger formal, der Anspruch auf Augenhöhe und das wahrhafte Interesse ist gefordert.

Welche Bedeutung haben journalistische Inhalte in Zukunft noch?

Der journalistische Inhalt bleibt der Kern unserer Unternehmensstrategie. Man muss unterscheiden zwischen den Herausforderungen nationaler und regionaler Medienmarken. Ausgangspunkt ist unsere Beziehung zur Region und unsere journalistische Leistung vor Ort. Diese Kompetenz gilt es zu erhalten und zu fördern. Bezogen auf Deutschland glaube ich, dass nationaler und internationaler Content immer weniger relevant wird, weil er immer verfügbarer wird. Aber lokaler Content, vor allem, wenn er mit konkretem Nutzen verbunden werden kann, wird an Relevanz gewinnen.

Was man früher Chronistenpflicht genannt hat, das pure Abbilden von Ereignissen, reicht offenbar nicht mehr. Muss die Zeitung eine aktive Rolle spielen und selber etwas auslösen wollen?

Die Chronistenpflicht, die nachrichtliche Arbeit, wird immer stärker herausgelöst aus der gedruckten Zeitung. Die Vermittlung von Nachrichten begleiten wir den Tag mit immer neuen Aktualisierungen über Kanäle im Internet wie Facebook oder Twitter mit unserem Nachrichtenportal nord24. Die journalistischen Kernprodukte NORDSEE-ZEITUNG und unser Onlineprodukt NORD | ERLESEN sollen Hintergrund und Vertiefung sowie Meinung liefern. Die Unterscheidung von glaubwürdiger und unglaubwürdiger Information fällt immer schwerer. Die Verbreitung von Fake News hat bei manchem den Eindruck entstehen lassen, es sei doch ohnehin alles Lüge. Dabei ist ja gerade die Voraussetzung für den demokratischen Prozess eine Vielfalt im Wettbewerb und Wahrnehmbarkeit von publizierten Tatsachen und Meinungen. Zu unserer Demokratie gehört nun einmal, dass wir uns selten alle einig sind. Das Ringen um das Richtige ist ein Merkmal von Demokratie, von Gemeinwesen und Freiheit. Die Umbrüche unserer Zeit brauchen aus meiner Sicht mehr denn je guten Journalismus.

Was ist guter Journalismus für Sie?

Guter Journalismus berichtet über das, was eigentlich verschwiegen werden sollte. Dies bedeutet auch Streit, Polemik, Debatte – und damit geistige Anregung und ein beharrliches Ringen um die richtige Sicht der Dinge. Es ist die ewige Suche nach dem richtigen Weg und prägt damit letztlich den wahren Souverän der Demokratie: den mündigen Bürger.

Sind die Menschen immer noch bereit, für werthaltige Inhalte zu zahlen?

Wir müssen verantwortlich umgehen mit unserer Rolle und dem begründeten, hohen Vertrauen in die Tageszeitung, in unsere NORDSEE-ZEITUNG. Dabei ist es egal, ob wir unsere Inhalte auf Papier oder im Internet transportieren. Aus meiner Sicht brauchen wir einen gesellschaftlich erstarkten Konsens über unsere gesellschaftspolitisch wichtige Rolle. Dazu gehört, dass guter Journalismus finanzierbar sein muss und die Bereitschaft, für werthaltige Inhalte im Netz zu bezahlen.

Wie sehen zukünftige Erlösquellen aus?

Die Medienhäuser haben die Kernaufgabe, Relevanz zu schaffen. Wir sind in den kommenden zwei bis drei Jahren gefordert – ohne dass die Erlösmodelle schon konkretisiert sind –, unsere Medienmarke und unsere neuen Produkte klar auf den verschiedenen Kanälen zu platzieren. Wir werden weniger erlösen, als wir heute pro Abonnement erlösen. Aber wir haben die Chance, einen Pro-Kopf-Erlös zu erzielen. Heute erzielen wir den Erlös pro Haushalt: Ein Haushalt abonniert eine gedruckte Zeitung für mehrere Personen. In Zukunft haben wir die Chance, die einzelnen Personen über mobile Geräte individueller zu beliefern. Die Entwicklung zeigt ganz klar, dass es bei diesen „personal devices“ die größten Zuwächse gibt. Die Menschen rufen immer mehr Informationen verteilt über den Tag mit ihren mobilen Endgeräten ab. Dazu müssen wir nicht nur in der Redaktion neue Kompetenzen herausbilden, sondern auch neue Marketingkompetenzen.

Wie sehen diese neuen Marketingkompetenzen aus?

Die größte Herausforderung ist es, dass unsere Branche und auch wir als Unternehmen über viele Jahre eine Ein-Produkt-Strategie betrieben haben. Selbst die E-Paper-Ansätze sind nichts anderes als die Übertragung dieser Strategie auf die digitale Ebene. Das hat aber mit einer zeitgemäßen Aufbereitung für das Internet noch nichts zu tun. Mit nord24 und NORD | ERLESEN haben wir nun zwei digitale Produkte im Markt. Bei nord24 haben wir in der Spitze über fünf Millionen Seitenaufrufe im Monat, damit ist es das stärkste Nachrichtenportal zwischen Elbe und Weser. Gleichzeitig ist es unsere Möglichkeit, auf Basis unserer Glaubwürdigkeit unsere Nachrichtenkompetenz bei jüngeren Zielgruppen zu adressieren. Es ist unsere Aufgabe, diese Menschen nun mit ihrem Interesse für unser digitales, journalistisch werthaltiges Produkt NORD | ERLESEN mit Meinung, Hintergrund und Vertiefung zu gewinnen. Das bedeutet, dass wir an dieser Stelle die Zahlungsbereitschaft für unsere digitalen Inhalte analog der Modelle wie Netflix und Spotify ausprobieren. Diesen nun digitalen „Kundendialog“ auszugestalten, ist unsere Herausforderung. Dafür haben wir in den letzten drei Jahren mit einem jährlichen siebenstelligen Betrag deutlich investiert und rund 30 neue Arbeitsplätze geschaffen, neue Kompetenzfelder aufgebaut und Menschen für unser Unternehmen und unsere Region gewonnen. Dabei teilen wir in unserer Zukunftswerkstatt gerne unsere Lernkurven zum Thema Digital, vernetzten das agile Arbeiten mit unseren Kunden auf der Werbemarktseite.

Sie planen ein neues Medienhaus. Wie soll das aussehen?

Unser jetziges Verlagsgebäude in der Hafenstraße ist in einer Zeit entstanden, in der Zeitungen im Bleisatzverfahren hergestellt wurden. Die Abläufe waren orientiert an einem physisch wahrnehmbaren Arbeitsprozess. Heute sind viele dieser Arbeitsprozesse durch die technologische Entwicklung weggefallen. Wir sind immer mehr gefordert, mit Komplexität, Vernetzung und Dynamik umzugehen. Das bedeutet einfach: Mehr Kommunikation, mehr vernetztes Wissen. Den dynamischen komplexen Anforderungen des Marktes müssen wir mit geteiltem Wissen und gemeinsamer Vernetzung begegnen. Das bedeutet, Räume zu schaffen, wo man sich täglich begegnet. Es geht darum, über die Grenzen der einzelnen Bereiche des Unternehmens hinaus zu kommunizieren. Heute muss ein Redakteur anders als früher verstehen, wie er sein Wirken im Unternehmen in Verbindung setzt mit dem, was zum Schluss in der Druckerei oder auf der App landet. Dieses andere Verständnis fördert auch, dass Menschen Verantwortung übernehmen.

Noch näher ran an die Leser und ihre Probleme?

Wir haben perspektivisch vor, durch ein neues Medienhaus unsere ganzen Abläufe und Prozesse transparenter zu gestalten. Mein Bild ist, dass wir eine Art Plaza bilden, einen Platz, wo wir täglich direkt mit unseren Lesern in den Dialog treten, nicht nur über Medienkanäle. Das üben wir jetzt schon, indem wir mehr Veranstaltungen organisieren, auf denen die Bürger sich direkt äußern können. Wir haben als Zeitung die Chance, Lesern Bereiche zu öffnen, die sie alleine nicht öffnen können. Wir können Leser zum Beispiel direkt mit dem Oberbürgermeister in die Diskussion bringen. Wir können unseren Lesern ermöglichen, an der Gestaltung der Stadt teilzuhaben.


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